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2022-07-20 21:27:55 - 456 Aufrufe

Spreepark Berlin - Führung durch einen Lost Place

Von Andrej Woiczik

Redakteur Andrej Woiczik nahm Mitte Juli an einer Spreepark-Führung unter der Regie des Spreepark-Betreibers Grün Berlin teil und berichtet im Nachfolgenden. Bis Ende September 2022 werden die meist ausgebuchten Spreepark-Führungen durch fachkundige Guides unter der Regie von Grün Berlin durchgeführt und führen „die Abenteurer“ in die Vergangenheit und Zukunft des Parks.

Nach einem verregneten Vormittag zeigte sich der Himmel bei unserer Spreepark-Führung gnädig und die 20-köpfige Besuchergruppe wurde von einem netten niederländischen Guide am Empfangs-Pavillon begrüßt und zu einer 75 Minuten andauernden Tour eingeladen. Nach einer geschichtlichen Erläuterung am ehemaligen englischen Themenbereich ging es durch das knapp 30 Hektar große Areal. Zahlreiche Fahrgeschäfte wie der Spreeblitz, die Wildwasserbahn oder das Teetassenkarussell sind noch auf dem Areal befindlich und werden „nachhaltig“ zukünftig als Begegnungsort genutzt.

Was entsteht im Spreepark?

Der neue Spreepark soll in Etappen wiedereröffnet werden, das Riesenrad wird das einzige Fahrgeschäft sein, welches die Besucher erfreuen wird. Entstehen soll ein Erholungsort mit niedrigen Eintrittspreisen. Im Herbst diesen Jahres soll das denkmalgeschützte "Eierhäuschen" den Start des Spreepark-Comebacks markieren. Es wird zum Großteil wieder als Ausflugslokal genutzt, mit 540 Sitzplätzen. Geplant sind ein Biergarten und eine Terrasse, aber auch vier Atelierwohnungen für Künstler und Ausstellungsräume. Außerdem wird es an dem Lokal einen Schiffsanleger geben. 2024 soll dann der Hauptteil des Parks mit Riesenrad eröffnet werden. Spätestens 2026 soll alles fertig sein.

Umgeben wird das Riesenrad ein kreisrundes Wasserbecken mit einem barrierefreien Zugang zum Riesenrad. Es soll auch als Rückhalteraum für die Regenwasserspeicherung, zur Bewässerung der Grünanlagen und zur Kühlung des Mikroklimas am Ort genutzt werden. Das neue alte Riesenrad passe "hervorragend zur Grundidee eines nachhaltigen, bürgernahen Kunst- und Kulturparks mitten in der Natur. Hier wird die Geschichte reflektiert und die Gesamtanlage modernisiert, mit innovativem Wassermanagement, kreativen Freiräumen und viel, viel Grün", so unser Guide.

Foto: Nico13
In der Station des Spreeblitz steht auch 2022 noch der Zug.

Durch den Neubau des Wasserbeckens mit Terrasse, Stufenanlage und begehbarerer Flachwasserzone soll direkt am Riesenrad "ein attraktiver Aufenthalts- und Erlebnisbereich" entstehen. Die teils flachen Uferzonen des Wasserbeckens sollen außerdem neue Lebensräume für verschiedenste Pflanzen und Tiere schaffen. Die Kosten für die Sanierung und Neugestaltung des Riesenrads inklusive Wasserbecken umfassen laut Presseberichten voraussichtlich 6,4 Millionen Euro. 2,88 Millionen Euro kommen dafür aus einem Bundesprogramm, den Rest übernimmt das Land Berlin.

Interessant in diesem Zusammenhang ist die Touristische Potenzialanalyse und Wirtschaftlichkeitsuntersuchung Spreepark, welche vor einigen Tagen vom Bezirksamt Treptow-Köpenick von Berlin im Bebauungsplan 9-7 („Spreepark“) veröffentlicht worden ist. Für den Spreepark wurde eine Touristische Potenzialanalyse erstellt (PROJEKT M GmbH, 2017). Im Ergebnis dieser Untersuchung wird festgestellt, dass das Gesamtpotenzial für den geplanten Kunst- und Kulturpark ca. 649.000 Besuche pro Jahr beträgt, sofern die in der Untersuchung zugrunde gelegten Annahmen und Rahmenbedingungen erfüllt werden.

Der größte Anteil des Besucheraufkommens soll mit 62 % dabei auf Berlinbesucher entfallen, während durch Einwohner Berlins 31 % und durch Einwohner aus dem Brandenburger Umland 7 % erwartet werden. Entscheidend für die überregionale Bedeutung ist dabei die Besonderheit des Parks als Kunst- und Kulturpark, der (auch in deutlicher Abgrenzung zu anderen Parks und Gärten Berlins) vorrangig kunst- und kulturaffine Zielgruppen und weniger naherholungssuchende Menschen anspricht. Nach erfolgter Plausibilitätsprüfung der Besucherprognose im Rahmen einer Wirtschaftlichkeitsuntersuchung im Jahr 2019 wurde das prognostizierte Besucherpotenzial auf 600.000 Besuche pro Jahr abgesenkt (ARGE ift/Erlebniskontor, 2019).

Foto: Nico13
Auch die Kaffeetassenfahrt steht scheinbar noch abfahrbereit im Spreepark

Der Schreiber dieser Zeilen hält aber selbst diese erwartete Besucherzahl für sehr optimistisch. Statt Fahrgeschäften soll nunmehr den Künstlern der Region eine Möglichkeit im Spreepark geboten werden, sich künstlerisch kreativ zu verwirklichen. Zwar werden drei bis vier ehemalige Fahrgeschäfte wie der Spreeblitz und die Wildwasserbahn begehbar als Wanderweg umgewandelt werden, aber das Hauptaugenmerk soll auf kreativen Konzerten von Künstlern liegen. Ob der aus Steuergeldern dann finanzierte neue „Kulturpark“ die erforderlichen Kosten von 8-10 Mio. Euro jährlich durch diese Konzerte auch erwirtschaftet, wird sich zeigen müssen. Bis zur vollständigen Eröffnung des Spreeparks werden 65-80 Millionen Euro in diesen geflossen sein um die Kulturschaffenden zu erfreuen.

Ein rentabler Freizeitpark mit Fahrgeschäften für mind. 1,5 Mio. Besuchern war von der politischen Führung der Stadt und des Bezirks nicht gewünscht, obwohl zahlreiche Interessenten dieses hätten realisieren können. Dafür werden jetzt Steuergelder der Berliner Bevölkerung in ein „zig-Millionen-Projekt“ gesteckt, welches die kulturfreundliche Politikführung erfreut. Ob dieses auch die Gäste des Parks erfreut wird sich in Zukunft zeigen. Die Spreepark-Führung war in jedem Fall sehr interessant und kann wärmstens empfohlen werden.

Quelle: Andrej Woiczik